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Konstantin Wecker: “Gabalier wird auch wieder verschwinden!”

40 Jahre Wahnsinn – zu seinem 40-jährigen Bühnenjubiläum tourt Konstantin Wecker von 13. bis 20. Februar wieder durch Österreich. Präsentiert dabei in Grafenegg, Wien, Innsbruck, Bregenz und Vöcklabruck Klassiker a’la Der Willi und brandneuen Songs. Das WEGOTIT-Interview:

Sie feiern nun ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum…
Es ist erschreckend, wie schnell das vorbei gegangen ist. Der einzige Vorteil ist, wenn man das erkennt. Wenn man die Vergänglichkeit so richtig in sich aufgenommen hat, dass man dann noch intensiver dabei ist. Doch es fühlt sich nicht wie 40 Jahre an, sondern eher wie ein Nachmittag

Ist es nach 40 Jahre schwieriger oder einfacher Lieder zu schreiben?
Für fast jeden Lyriker – und ich habe auch heute noch das Gefühl, dass ich Gedichte schreibe und diese dann vertone – ist die Blütezeit zwischen 20 und 30. Das war bei Baudelaire oder Rimbaud so. Dann gibt es aber, und daran klammere ich mich, die große Alterslyrik: Meister Goethe, Hesse. Aber es ist natürlich klar, dass man gewisse Themen einfach schon geschrieben hat. Es wäre völlig sinnlos noch mal ein Lied über „den Sommer der nicht mehr weit ist“ zu schreiben, weil das ist mir ja schon mal ganz gut gelungen. Auch die Bilderfluten sind nicht mehr so wie früher, weil einem vieles bewusster ist, was damals noch unbewusst war. Es wird einem vieles klarer. Aber es ist deswegen nicht ohne politische Kraft.

Sind Sie nun altersmilde geworden?
In vielen Punkten, ja. In persönlichen Begegnungen mit Menschen, ja. Aber in einer anderen Hinsicht, also in meinem politischen Engagement bin ich eigentlich viel radikaler als früher. Ich habe mich früher ja oft gewehrt, als politischer Sänger gesehen zu werden. Weil ich immer gesagt habe, ich mache ja eigentlich Liebeslieder und mein Gott da ist mir halt auch der „Willi“ passiert. Doch heute sehe ich es fast mit als meine Aufgabe an, mich auch politisch einzumischen.

Dazu gibt aber auch andere Formen, als die Musik, die sie auch sehr stark nützen. z.b. Facebook …
Da lass ich manchmal meinen Druck ab und meine Wut raus. Ich sehe das aber auch als eine Aufgabe. Ich habe mittlerweile 110.000 Follower und es gibt wirklich Beiträge die werden bis zu einer Millionen Mal gelesen. Da verspüre ich auch eine gewisse Verantwortung.

Liest man das weil Sie Konstantin Wecker sind, oder liest man das wirklich wegen der Inhalte?
Ich glaube schon wegen der Inhalte. Ich merke das auch ganz deutlich. Klar in den ersten Stunden sind es meistens die Fans, dann wird geteilt und dann kommen ja auch die Gegnerscharen und dann merkt man genau es geht in Internet-Gegenden wo man den Namen Wecker höchstens mal gehört hat. Ich glaube schon es ist in erster Linie wegen des Inhalts. Für mich das eine Möglichkeit politisch tätig zu sein ohne, was ich früher ja öfter gemacht haben, jetzt auf Demos zu gehen. Das mache ich zwar nach wie vor – aber nur mehr wenn es darauf ankommt.

Also passiert heute die Revolution durchaus im Internet?
Vieles davon! Vor allem die Aufklärung zur Revolution könnte im Internet passieren. Man muss schon aufpassen, weil das Internet natürlich saugefährlich ist und steuerbar. Man weiß ja nicht woher alles kommt – z.b. wenn so ein richtiger Shitstorm über mich herein bricht, dann hat man des Gefühl das ist gesteuert von bestimmten Kreisen. Das darf man dann aber auch nicht zu ernst nehmen.

Sie gelten als Protest-Sänger. Ist es heute einfacher zu protestieren?
Früher hat das zum Liedermacher dazu gehört. Und dann gab es eine lange Zeit wo es nicht da zu gehörte. Wo sich eine Generation an Liedermachern von der 68er Generation distanzierte. Doch seit der letzten Finanzkrise, also seit 2006, merke ich dass viele Vorwürfe, die ich 10, 15 Jahre hören musste, wie „Du alter 68er. Dich will keiner mehr hören“ jetzt zurückgenommen werden. Und die Leute sagen: Vielleicht ist es doch ganz gut, dass er seinen Weg weitergegangen ist.

Auch weil sie ein Gegenpool zu aktuellen Schlager-Boom sind? Zu Helene Fischer und Andreas Gabalier?
Es gab ja auch schon Schlager als ich begonnen habe als Liedermacher. Doch das war ein Thema über das hat man sich überhaupt nicht gekümmert. Das war nur lustig und lächerlich. Heute merkt man, dass der Schlager jedoch durchaus ein Thema für die Leute ist. Ich bin da zwiegespalten. Auf der eine Seite sage ich: mein Gott, warum soll es keine guten Schlager geben. Doch wenn ich sehe, welch geballte Wirtschaftsmacht dahinter steckt, ist mir schon unwohl bei der Sache. Doch ein Mann wie Andreas Gabalier ist ja mehr oder weniger durch Zufall das geworden und nicht weil er so ein Genie ist. Der wird auch wieder verschwinden. Doch in bin Nischenkünstler und auch sehr froh darüber, denn da kann ich mir viel mehr erlauben. Wäre ich nun ein wahnsinnig bekannter Popstar hätte ich mehr Zwänge von aussen. Doch die Zwänge konnte ich mir immer gut vom Leib halten und deshalb bin ich auch gerne in einer Nische. Dafür, dass ich weiterhin Gedichte schreibe ist das Publikum schon erstaunlich groß und ich bin von Herzen dankbar dafür, denn wer will heute noch drei Stunden wo zuhören und nicht gleich wegzappen. Das ist ein großes Geschenk.

Was sagen eigentlich Ihre Kinder zu Ihrer Musik?
Der Große hat sich seine ganz eigenen musikalischen Weg gesucht. Und der Kleine ist oft bei meinen Konzerten. Kleine, der ist auch schon 15. Der geht auch gerne in die Oper. Der hat eine große Bandbreite. Natürlich auch seine Hip-Hop-Geschichten. Er ist auch politisch engagiert. Es ist ja nicht leicht für Kinder mit einem Vater den man kennt. Natürlich müssen sich speziell Söhne dann auch abgrenzen vom Vater. Einen eigenen Weg gehen und das ist schon sehr interessant zu beobachten. Ich habe erst im August ein Lied für sie geschrieben. An meine bald aus dem Haus gehenden Söhne und darin kommt die Zeile vor, wo ich sage „Ich red’ nicht gerne um den heißen Brei aber ich wollte euch nie erziehen. Erziehen zu was? Zur Gier, zu Scheffel im richtigen Lager. Ich wisst ich hatte schon immer ein großes Herz für Versager.“ Nicht weil meine Kinder Versager sind, sondern weil sie wissen sollen und auch spüren, dass ich mir keine Vorstellungen mache. Sie sollen das werden was sie sind und sich selber entdecken. Man hat als Vater natürlich auch Lieblings-Ideen, was Söhne sein und werden könnten. Aber ich habe mir diese Ideen schon abgeschminkt. Man kann ihnen etwas mitgeben: das ist die unabdingbare Liebe zum Mitgefühl. Wenn sie mitfühlende Wesen werden dann habe ich alles erreicht was man als Vater erreichen kann.

Sie wurden erst später Vater. Meinten damals sogar „Gerade dumme Menschen bekommen so gerne Kinder“
Ich bin natürlich vom Schicksal verwöhnt weil ich tolle Eltern hatte. Kluge, kämpferische und sehr musische Eltern. Man könnte ja auch saublöde Eltern erwischen.

Warum ist eigentlich Ihre Ehe auseinander gegangen?
Wir sind ja weiterhin zusammen. Und es ist alles ganz in Ordnung.

Im Februar gehen sie wieder auf Österreich-Tour. Warum soll der Besucher da sein wohlverdientes Geld für eine Karte ausgeben?
Das ist richtig: Wohlverdientes Geld. Für das man manchmal auch bitter bezahlen muss (lacht). Ich denke ich arbeite viel für das Geld. Es wird ein Querschnitt werden über die letzten 40 Jahre und es werden, für diejenigen die mich auch von früher kennen, Wiederbegegnungen mit sehr spannenden, oftmals wieder neu interpretierten Liedern geben und als Zuckerl auch neue Lieder. Der Titel „40 Jahre Wahnsinn“ stimmt also schon.

Ist es Wahnsinn? oder ist Genie auch dabei?
Das überlasse ich anderen es so zu betiteln (lacht) Aber es ist Wahnsinn das überhaupt zu überleben und es ist ein Wahnsinn noch immer ein Publikum zu haben.

Bei den Konzerten gibt es auch neue Lieder..
Ja. Ich war fünf Wochen in der Toskana und habe wieder ein bisschen ruhen können. Und innerhalb dieser fünf Wochen passierte mir innerhalb von ein paar Tagen eine neue CD. Und da bin ich schon glücklich, weil die letzte CD Wut Und Zärtlichkeit ja mittlerweile drei Jahre her ist, und ich habe ehrlich gesagt nicht mehr damit gerechnet. Ich muss immer warten – bei Liedern ist das was anders als bei Posts oder Büchern. Doch es war anscheinet so, dass es wieder in mir lauerte und zum richtigen Zeitpunkt rauswollte. Ich glaub langsam muss ich schau’n, dass ich mir im Winter ein Monat frei nehme und im Sommer. Denn ich bin wirklich viel unterwegs. Letztes Jahr waren es 125 Konzerte.

Fragen Sie sich manchmal: Warum ich?
Nein! Wissen sie, warum mich das nicht frage? Weil ich würde nichts anders machen können. Ich wäre ein totaler Versager in dieser Welt. Ich habe den einzig möglichen Beruf ergriffen der für mich ging. Ich könnte kein Schlosser werden, kein Autobauer, Bankier schon gar nicht. Ich kann das alles nicht. Ich kann nur wirklich das und dass ich damit leben darf ist wirklich ein Geschenk.

Wie lange kann man das noch machen?
Wenn ich mir jetzt ein Ende vorsetzen würde, dann wäre es gelogen. Denn ich weiß genau, wenn ich nun sage „In fünf Jahren mache ich meine letzte Tournee“, dann werde ich im sechsten Jahr wortbrüchig werden. Wenn ich das Glück habe, dann noch gesund zu werden.

Sie arbeiten nun auch mit dem österreichischen Schuhmacher Heini Staudinger zusammen…
Das war meine Idee, nachdem ich den Heini bei einer Rede gehört habe. Den Che Guevara des Waldviertels. Wir haben uns befreundet und wollen nun gemeinsame Ideen verwirklichen. Man kann als Künstler durchaus auch mal zeigen dass man mit Unternehmen die ihre Sache gut und menschenwürdig machen zusammenarbeiten will. Mit Konzernen geht das ja nicht.

Das sind die Tourdaten von Konstantin Wecker:
13-FEB Grafenegg, Auditorium
14-FEB Wien, Konzerthaus
18-FEB Innsbruck, Congress
19-FEB Bregenz, Festspiel- und Kongresshaus
20-FEB Vöcklabruck, Stadtsaal

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